Ehrlichkeit

Die Ehrlichkeit ist eine sensible Sache. Für die einen bedeutet es, dass man jemand nur wahre Dinge erzählt. Für mich bedeutet es eine ganze Menge mehr.

Ehrlichkeit bedeutet auch, dem Partner Dinge nicht vor zu enthalten.

Wenn mir jemand im Nachhinein sagt „aber ich hab Dich doch nicht belogen“ dann hat er damit bestimmt recht. Aber er hat etwas viel schlimmeres gemacht, er hat es mir gar nicht erst erzählt.

Somit gibt es immer zwei Ehrlichkeiten: Etwas nicht wahrheitsgemäß zu erzählen und etwas gar nicht zu erzählen.

Wer mir also etwas falsch erzählt, oder mich direkt belügt, gibt mir irgendwie die Chance das mitzubekommen, etwas zu hinterfragen.

Wenn man mir aber etwas vorenthält, also mir etwas gar nicht erst erzählt, gibt man mir nicht die Chance mit dieser Sache selber um zugehen. Dieser Mensch trifft eine Entscheidung für mich. Er enthält mir Informationen vor. Wenn ich dann später davon erfahren, fühle ich mich hintergangen, betrogen und herabgesetzt. Es zeigt mit, dass der andere nicht genug Vertrauen in sich oder in mich hat mit der Situation umzugehen.

Ich fühle mich von meinem Partner ausgegrenzt und bevormundet, wenn er mir Dinge vorenthält. Dabei ist es mir egal warum er es macht. Ob er denkt, dass er mir damit weniger weh tut, oder ob er das Gefühl hat, mich dadurch zu beschützen. Ich will selber entscheiden, ob ich mit der Information zurechtkomme.

Aber genauso wie eine Lüge, kommt auch etwas was nicht gesagt wurde, irgendwann raus. Und beides ist zu dem Zeitpunkt wo es rauskommt viel schlimmer. Somit kommt man mit Ehrlichkeit in der Regel viel weiter. Zu mindestens ist das bei mir so.

2 thoughts on “Ehrlichkeit

  1. Liebe Tigresse,
    was mir auffällt ist, dass Du anscheinend manchmal ein wenig zu einer schwarz-weiß-Sicht neigst.
    Grundsätzlich gebe ich Dir recht: Lügen geht gar nicht. Aber Deine Ansicht, dass nichts sagen IMMER gleichbedeutend mit einer Lüge ist kann ich nicht teilen. Es kommt immer auf das was, das wie, das warum und das wann an. Und da gibt es eine ganze Menge grau im Leben. Nur ein Beispiel: Als meine Oma schon stark unter Alzheimer litt, fragte sie mich in einem ihrer seltenen lichten Momente, ob ich mich auch darauf freuen würde sie eines Tages im Himmel wiederzusehen. Nun bin ich Atheist. Trotzdem habe ich sie bewußt angelogen und natürlich gesagt, dass ich mich darauf freuen würde. Bin ich deshalb ein schlechter Mensch? Nun kann es auch im Verhältnis zum Partner solche Momente geben, in denen Schweigen manchmal Gold ist. Ich stimme Dir in sofern zu, dass je näher / intensiver man dem Gegenüber ist, desto offener sollte man sein. Aber auch in der engsten Partnerschaft glaube ich nicht an s/w-Sicht – wobei die Grauzone aber wirklich sehr klein sein dürfte … Lieben Gruß Ileach

  2. Ein ganz anderes Problem hast du ausgeklammert:
    der, der Ehrlichkeit einfordert, muss auch zwingend mit der ganzen Wahrheit umgehen können. Auch dann – und vor allem dann – wenn sie nicht im Wohlbefinden des Einforderers fällt. Denn macht der ehrliche Mensch einmal die Erfahrung, dass Eh4rlichkeit mißverstanden wird und womöglich sogar gegen ihn verwendet wird, wird er etwas verschweigen. Er wird nicht lügen, aber nicht alles sagen.
    Ergo: Wenn du erfährst, dass dir gegenüber etwas verschwiegfen wurde, solltest du zuerst fragen, warum – und nicht, dass du auf einer anderen Ebene belogen wurdest. Vielleicht war es ja notwendig, eine Entscheidung für dich mit zufällen.

    Axel

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